Fajara und das Team der zweiten Chance (Sneak Peek 1)
Noch 65 Tage
«Und was macht ein Glaziologe genau?», fragte Ben. «Der macht…», Lara zögerte einen Moment und überlegte. Sie wühlte etwas verlegen mit dem grossen Zeh im Rasen vor ihrem Strandtuch. «Der macht…», setzte sie erneut an «mit Eis halt! Er erforscht Eis und Gletscher». «Sowas blödes!», kommentierte Ben in verärgertem Ton und fügte spöttisch an: «Das hat es hier natürlich nicht sehr viel. Ausser auf der Eisbahn im Winter!» «Genau! Und deshalb müssen wir halt da hin!». Mit «da hin» meinte Lara Quebec in Kanada. Ihr Vater hat eine Forschungsstelle an der Universität von Quebec erhalten, die er mit Beginn des neuen Semesters am 1. September antreten konnte. Und deshalb trat der Vater gestern Abend vor den Familienrat und kündete an, dass ein Umzug auf den 15. August vorgesehen sei. Zuerst in eine Wohnung in der Stadt Quebec, die ihm von der Uni zur Verfügung gestellt wird, bis sich etwas anderes gefunden hat. Und vor fünf Minuten hatte Lara das ihrem besten Freund Ben verkündet. Es war der 10. Juni. Der erste Tag, an dem man wirklich ins Freibad gehen konnte. Wenn jetzt das Wetter gut bleiben sollte, blieben den beiden noch 65 Tage, um das Freibad gemeinsam zu besuchen. Danach wären sie getrennt, würden sich weiterhin ewige Freundschaft schwören aber mit aller Wahrscheinlichkeit würde das Leben einen anderen Lauf nehmen. Die bis anhin täglichen Nachrichten würden den Tagesrhythmus aufgeben und immer rarer werden. Und irgendwann würden Ben und Lara einen neuen besten Freund haben. Einen, den man tatsächlich auch jeden Tag sehen konnte. Das wussten die beiden 13jährigen genau – und deshalb waren sie bedrückt. Aber dennoch schworen sie sich ewige Freundschaft und Treue.
Sie schwiegen einen Moment und starrten gedankenverloren vor sich hin. Bis Ben Lara mit dem Ellenbogen anstupste und sie eifrig aufforderte: «Wer zuerst beim Pool ist!». «Hü!», rief Lara. «Hott!» antwortete Ben, denn das war ihr ganz persönliches «Auf die Plätze, fertig, los!». Immer nach demselben Prinzip! Die eine brachte eine Idee, der andere willigte ein mit «Hü» und der Ideenbringer gab das Startzeichen mit «Hott». Und auf Bens «Hott» sprangen beide auf und rannten in Richtung Pool. Natürlich nicht ohne sich dabei gegenseitig zu behindern, zurückzuhalten, zu rangeln. Und so wurde es auch eine knappe Entscheidung, die Lara aber mit einem beherzten Sprung ins Wasser für sich entschied. Ben folgte ihr ins Wasser und die freundschaftliche Rangelei ging dort weiter. Bis beide ausser Atem zum Poolrand schwammen sich auf den Rand setzten, die Beine im Wasser baumeln liessen und aufs Wasser schauten. So verharrten sie einen Moment lang schweigend. «Wasser gefällt mir viel besser, wenn es nicht gefroren ist», sagte Ben.